Frieden in der Ukraine jetzt ? Ein Streitgespräch

von Diskurs Hamburg

Der Beitrag im PDF-Format findet sich hier.

Barbara Brüning hat als Diskurs D25-2 unter dem Titel „Zum ewigen Frieden“ – Die Aktualität der Friedensgedanken von Immanuel Kant“ einen Beitrag geschrieben, der 2022 auch in Europa wieder hochaktuell geworden ist. Auch wenn die Thematik „Krieg oder Frieden“ und die Begründungen von Kriegshandlungen beider (oder mehrerer) Seiten seit Jahrtausenden quasi eine Konstante menschlicher und kollektiver Existenz ist, sind wir davon im letzten Jahr völlig überrascht worden. 

Da das Thema jetzt leider hochrelevant ist, hat sich in der Folge des Beitrags von Barbara Brüning ein kleiner E-mail-Diskurs entwickelt, den wir hier publizieren wollen. Jeder Leser kann sich aufgefordert fühlen, zum Thema eigene Anmerkungen oder Beiträge zu liefern, die wir publizieren würden  —  entweder in kurzer Form wie hier nachfolgend oder oder als eigene Beiträge.[1] 

Jörn Kruse

Ich habe Ihren Beitrag zu Kant jetzt gelesen und mich darüber gefreut. Inhaltlich fühle ich mich nicht kompetent genug, etwas zu Kant zu sagen.

Nach dem Lesen habe ich mich gefragt, was wohl Kant heute konkret (also im Herbst 2022) zum Ukraine-Krieg gesagt hätte und was Sie diesbezüglich zu „Frieden heute!“ sagen würden.

Barbara Brüning

Im Artikel 1 seiner Schrift sagt Kant, dass bewaffnete stehende Heere zu mehr Aufrüstung und zu mehr kriegerischen Auseinandersetzungen führen; insofern bin ich mir ziemlich sicher, dass er die Lieferung von (schweren) Waffen in die Ukraine nicht befürwortet und stattdessen auf einen Dialog unter Vermittlung gesetzt hätte.

Jörn Kruse

Ja, wenn man das bis Anfang Februar gemacht hätte  und Putin mit von der Partie gewesen wäre (was sehr unwahrscheinlich ist). Aber später, als er schon erhebliche Teile der Ukraine erobert und noch größere Teile verwüstet hatte …….???

Der Satz „…. sagt Kant, dass bewaffnete stehende Heere zu mehr Aufrüstung und zu mehr kriegerischen Auseinandersetzungen führen …“ zeigt mir, dass Kant noch nicht wusste (wissen konnte), was wir heute wissen. Viele Heere dienen heute der Abschreckung. Oder glaubt jemand (z.B. Putin), dass das inzwischen große polnische Heer Russland angreifen würde, selbst wenn sie könnten  ??

Barbara Brüning

Wenn es nicht bald zu einem Waffenstillstand kommt, wird es noch mehr Verwüstungen geben. Die Floskel „Die Ukraine muss militärisch gewinnen“ ist unrealistisch. Das wird zu einer Eskalation führen. Ob wir das wollen oder nicht: Eine Großmacht wie Russland zieht sich nicht militärisch zurück.

Ich meine schon, dass Kant das Problem der Abschreckung gesehen hat. Er schreibt unter Punkt 3: „Stehende Heere bedrohen andere Staaten unaufhörlich mit Krieg, durch die Bereitschaft, immer dazu gerüstet zu erscheinen; reizen sie diese an, sich einander in Menge der Gerüsteten, die keine Grenzen kennt, zu übertreffen (…) und so sind sie selbst Ursache von Angriffskriegen, um diese Last dann wieder loszuwerden…“.

Jörn Kruse

Ich stimme Ihnen zu: Wenn es nicht bald zu einem Waffenstillstand kommt, wird es noch mehr Verwüstungen, viele Tote auf beiden Seiten etc. geben. Außerdem ist es unrealistisch, dass die Ukraine militärisch gewinnen kann, wenn man darunter versteht, dass sie alle eroberten Gebiete (einschließlich des Donbass und der Krim) militärisch zurückholt. Die dafür erforderlichen Mittel (Waffen und Geld) wären auch die USA und die Europäer nicht zu liefern bereit. Das wäre ein Fass ohne Boden und es würde außerdem die humanitäre Katastrophe noch dramatisch verschlimmern und verlängern.

Allerdings erscheint es im Europa des 21. Jahrhunderts unakzeptabel, dass ein Diktator ein Nachbarland militärisch überfällt, die (auch zivile) Infrastruktur systematisch kaputtbombt, zahlreiche Menschen tötet und viele Kriegsverbrechen begeht, ohne dass die zivilisierten Länder darauf geschlossen, massiv und für den Aggressor schmerzhaft reagieren. 

Das ist nicht nur eine moralische Aussage, sondern auch eine machtpolitische. Es würde ein völlig falsches Signal an Putin (bezüglich Moldavien, Georgien und evtl. sogar die baltischen Staaten) sowie an andere aggressive, menschenverachtende Diktatoren senden, insbesondere an Chinas KP-Führung.  

Dennoch muss es Verhandlungen über einen Waffenstillstand und einen zukünftigen modus vivendi zwischen Russland und der Ukraine geben, die mehr sind als eine Atempause für das russische Militär, das zwar riesig ist und gefürchtet wurde, aber 2022 gegen die ukrainischen Freiheitskämpfer jämmerlich versagt hat, weil insbesondere die zwangsrekrutierten Russen gar nicht wissen, wofür sie kämpfen sollten. 

Barbara Brüning

Sie haben unseren kleinen Diskurs mit einem Konsens, zumindest zwischen uns beiden, beendet. Ich stimme Ihrer Einschätzung voll und ganz zu, dass Diktatoren wie Putin machtpolitisch gestoppt werden müssen. Die UN wären aus meiner Sicht diejenige Instanz, über die ein Waffenstillstand und Friedensgespräche initiiert werden könnten. Und im Sinne von Immanuel Kant: Wenn beide Seiten es wollen, dann finden sie einen Vermittler!

Jörn Kruse

Ja. Und wenn nicht, geht das Sterben und Zerstören weiter. Ich Naivling hatte eigentlich gedacht, Ethik hätte im 21. Jahrhundert in Europa einen höheren Stellenwert als barbarische Machtpolitik mit militärischen Mitteln.


[1]   Eine erste Kommentierung von Jan Thieme zum Ausgangsbeitrag findet sich bereits in D26-8. Vgl auch D27-2 in dieser Ausgabe

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN