Das Denken in Nullsummen – Politik der Umverteilung – Nullwachstum, aktuelle Herausforderungen und persönliche Erfahrungen als Ursachen – Der Nullsummen-Irrtum [1]

von Diskurs Hamburg

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Einfache und scheinbar logische „Weisheiten“ haben es mitunter leicht, unseren Verstand zu lenken – nicht immer falsch, aber manchmal doch zu kurz gedacht. Das Denken in Nullsummen zählt hierzu. Schon bei Berthold Brecht findet sich diese Logik: „Reicher Mann und armer Mann, standen da und sah’n sich an, und der Arme sagte bleich: Wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“ Die aktuelle Konsequenz der Linken: Vermögen-/Millionärsteuer und Steuerprogression für ‚leistungslose‘ Kapitaleinkommen. Doch auch der US-Präsident spielt mit seiner Schutzzollpolitik auf diesem Klavier: Zölle auf Stahl- und Autoimporte sollen Arbeitsplätze des Rust Belts im Nordosten und Mittleren Westen der USA vor ausländischer Konkurrenz schützen. Gemein ist beiden politischen Programmen die Annahme, eine bestimmte Summe Geldes (Einkommen, Bruttoinlandsprodukt/ BIP) oder die Zahl der Arbeitsplätze in der Automobilindustrie (weltweit) sei konstant und nicht etwa vom Handeln der Akteure selbst abhängig. Die logische Konsequenz: Der Vorteil der einen Seite ist zwangsläufig ein Nachteil der anderen. Damit jeder für sich selbst das größte Stück vom vorhandenen Kuchen bekommt, muss man verhindern, dass andere mehr bekommen. Allein dieses Verhalten weist auf die hohen Kosten von Verteilungskämpfen hin. Möglichkeiten einer sogenannten Win-Win-Situation werden ausgeblendet. Stattdessen konzentriert man sich auf Umverteilung. Nullsummen statt Positivsummen sind das Ergebnis.

Verschiedene Studien belegen das weit verbreitete Denken in Nullsummen der heutigen Gesellschaft. Der Aussage: „Je mehr die Reichen haben, desto weniger bleibt für die Armen übrig,“ stimmten in Deutschland immerhin 48 Prozent (gegen 44 Prozent) zu. In Ostdeutschland bejahten dies knapp 60 Prozent (gegen 29 Prozent). Selbst in der wohlhabenderen Schweiz unterstützten 30 Prozent der Befragten diese Denkweise. Eher unerwartet war hier auch das Ergebnis, dass diese Einstellung unabhängig von Alter, Geschlecht, Ausbildung oder Sprache über alle Bevölkerungsgruppen verbreitet war.

Mehrere Ursachen befördern diese Denkart. In Zeiten eines Nahe-Nullwachstums – das Frühjahrsgutachten des Sachverständigenrates prognostiziert 0,5 Prozent für 2026 – gibt es keinen Überschuss, den es zu verteilen gibt. Auch die langfristigen Aussichten sind keinesfalls besser, da das Potenzialwachstum – das langfristige Wirtschaftswachstum bei normaler Auslastung der Kapazitäten – mit 0,4 Prozent angegeben wird. Hinzu kommt, dass die Herausforderungen an das deutsche BIP in den nächsten Jahren steigen werden – Anstieg der Gesamtsozialversicherungsbeiträge infolge des demographischen Wandels von derzeit 42,3 Prozent auf ca. 50 Prozent bis 2040; Lasten der ‚Kriegstüchtigkeit‘ i.H.v. 5 Prozent des BIP (3 Prozent für Militär, 1,5 Prozent für verteidigungsrelevante Infrastruktur); energetischer Umbau für die Klimaziele pro Jahr ca. 100 Mrd. Euro; Infrastrukturinvestitionen zur Behebung des Modernisierungsstaus ca. 40 Mrd. Euro. Diese Summen stehen nicht mehr für den ‚normalen‘ Konsum zur Verfügung, sondern werden ihn zukünftig schmälern. Neben diesen objektiv-gesellschaftlichen Restriktionen bestehen subjektiv-individuelle Lebenserfahrungen. In der globalen Finanzkrise 2008 wurden die Verluste auf die Allgemeinheit abgewälzt, wobei die Gewinne zuvor privatisiert werden konnten. Während der COVID-Pandemie und des Ukraine-Krieges tragen die Bürger die Lasten gestiegener Lebenshaltungskosten, während Gesundheits-, Rüstungs- und Ölfirmen Extragewinne erwirtschaften. Schließlich fehlt den jungen Menschen angesichts der wahrgenommenen Probleme der Glaube an eine bessere Zukunft.

Die Folgen dieser Nullsummen-Mentalität sind gravierend. Im allgegenwärtigen Verteilungskampf um gegebene Ressourcen sinkt die Kompromissbereitschaft und die gesellschaftliche Polarisierung wächst. Das Vertrauen in demokratische Prozesse und in die Stabilität gesellschaftlicher Institutionen wie bspw. die Sozialversicherungen schwindet. Zugleich geht ein gesteigertes Nullsummen-Denken einher mit einem schwächeren Vertrauen in den Erfolg eigener Anstrengung insbesondere bei geringerer Bildung, beruflichem Misserfolg und geringem Einkommen. Eigeninitiative und Risikobereitschaft zusammen mit Verantwortung und finanzieller Haftung gelten nicht immer als Tugenden eines auf gegenseitiger Leistung beruhenden Gesellschaftsbildes. Die Akzeptanz marktwirtschaftlicher Abläufe leidet zugunsten eines Rufes nach staatlichen Hilfen (Tankrabatt) und Regulierung (12-Uhr-Tankpreisregelung) mit häufig zweifelhaftem Erfolg. Protektionistische Maßnahmen wie ein teils marktwidriger Mindestlohn, Quoten und ein langfristig fragwürdiger Mieterschutz, der Neubauaktivitäten mangels Rentabilitätsaussichten behindert, stehen hoch im Kurs. Ähnliches gilt für die exzessive Besteuerung von Unternehmen oder Privatpersonen. Für das gesellschaftliche Zusammenleben besonders schädlich ist der Sozialneid. Zur Akzeptanz muss diese negative Eigenschaft mit der Gerechtigkeitslücke getarnt werden, um im Nullsummenspiel bedient zu werden.

Kann das Nullsummendenken durchbrochen (gewandelt) werden? Zunächst wäre eine prosperierende Wirtschaft die Lösung, die Umverteilungsspielräume ohne Lasten Dritter eröffnen würde. Hierzu wäre ein grundlegender Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft notwendig, der jedoch in weiter Ferne stehen dürfte. Kurzfristig hilfreich wäre die Aufdeckung eines Nullsummen-Irrtums. Denn kooperatives Zusammenwirken ermöglicht häufig Lösungen, bei denen alle Beteiligten gewinnen. Allerdings müssen Menschen, die durch Veränderungen verlieren, für ihre Akzeptanz gewisse Kompensationen erhalten. So ermöglicht ein (Wieder)abbau von Zollschranken i.d.R. eine weltweite Produktion zu geringsten Kosten mit Handel, bei dem per Saldo alle Staaten gewinnen. Anpassungshilfen für innerstaatlich verlierende Branchen könnten aus den Handelsgewinnen finanziert werden. Ebenfalls müssten Berufe und Branchen, die durch KI-Technologien einem besonderen Strukturwandel unterliegen, für ihre Transformationsverluste Hilfen bekommen, bspw. Umschulungsangebote für entlassene Arbeitnehmer. Schnelles Umdenken tut Not, damit sich die schädlichen Strukturen nicht verfestigen. Andernfalls könnte der zu verteilende Kuchen sogar schrumpfen.

Literatur

Bernau, Patrick (2023), Dein Gewinn ist mein Verlust, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt, 08.10.2023, S. 17.

Fearon, Patricia Andrews u. Götz, Friedrich M. (2024), The zero-sum mindset, in: J Pers Soc Psychol 2024 Oct;127(4):758-795, doi: 10.1037/pspa0000404.

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Hosp, Gerald (2026), In der Falle des Nullsummen-Denkens, in: Stiftung Zukunft.li, 06.02.2026, https://www.stiftungzukunft.li/aktuelles/der-falle-des-nullsummen-denkens (Abrufdatum 22.05.2026).

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Ochmann, Richard (2026), Update IGES-Projektion: Sozialabgaben könnten 2035 auf bis zu 50 Prozent steigen, IGES Institut, https://www.iges.com/ergebnisse/projekte/2026/update-2026-entwicklung-der-sozialabgaben/index_ger.html(Abrufdatum 27.05.2026).

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Rigendinger, Balz (2026), Dein Gewinn, mein Verlust: Solches Nullsummendenken gibt es links wie rechts, in: SWI swissinfo.ch, https://www.swissinfo.ch/ger/schweizer-diaspora/gegeneinander-statt-miteinander-solches-nullsummendenken-gibt-es-links-wie-rechts/89448075?nab=0 (Abrufdatum 22.05.2026).

Rolle, Carsten u.a. (2024), Klimapfade nach der Zeitenwende, Bundesverband der Deutschen Industrie, 09.09.2024, https://bdi.eu/de/articles/energie-mobilitaet-und-umwelt/klimapfade-2-0-wie-wir-unser-industrieland-klimaneutral-gestalten (Abrufdatum 27.05.2026).

Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2026), Frühjahrsgutachten 2026, 27.05.2026, https://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/fileadmin/dateiablage/gutachten/fg2026/FG2026_Gesamtausgabe.pdf (Abrufdatum 28.05.2026).

Stantcheva, Stefanie (2026), Das Denken in Nullsummen hat große Folgen, in: Capital, Nr. 3/2026, S. 54-57.

Zitelmann, Rainer (2025), Was Donald Trump und Heidi Reichinnek gemein haben, in: Cicero, 30.11.2025, https://www.cicero.de/wirtschaft/nullsummenglaube-was-donald-trump-und-heidi-reichinnek-gemein-haben (Abrufdatum 22.05.2026).

Zitelmann, Rainer (2025), Popular perceptions of the rich in 13 countries, Economic Affairs, https://doi.org/10.1111/ecaf.12633 .


[1] Zuerst erschienen in Junge Freiheit

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN