Eröffnung einer neuen Front – Russische Oppositionskräfte in der Oblast Belgorod 

von Diskurs Hamburg

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Mit dem Vordringen bewaffneter Einheiten auf russisches Staatsgebiet ist der Krieg erstmals an seinen Ursprungsort zurückgekehrt. In der Chronologie von Moskaus Invasion der Ukraine markiert der 22. Mai 2023 somit eine tiefe Zäsur. Was der Angriff für beide Seiten bedeutet. 

Es waren surreale Szenen, die sich am vergangenen Montag im russischen Belgorod abspielten. Nachdem sich die Kunde vom Eindringen ukrainischer Kampftruppen auf russisches Staatsgebiet in der Öffentlichkeit verbreitet hatte, ergriffen Tausende Menschen die Flucht. Stundenlang waren die Zufahrtstraßen in das Verwaltungszentrum der gleichnamigen Oblast daraufhin blockiert. Was aber war geschehen?

Am Morgen des 22. Mai 2023 um 6:00 Uhr Moskauer Zeit begann die ukrainische Armee mit dem massiven Beschuss von Graiworon. Die Kleinstadt liegt direkt hinter der Grenze und zählt etwas mehr als 6.000 Einwohner. Nachdem sich das Feuer zunächst auf Verwaltungs- und Telekommunikationsgebäude konzentriert hatte, gingen ukrainische Panzer um 11:30 gegen den nahegelegenen Grenzübergang vor. Nennenswerten Widerstand gab es nicht. 

Zehn Minuten später entfaltete das ukrainische Militär sodann ein Trommelfeuer aus Uragan-Mehrfachraketenwerfern. Ihr Ziel war eine in Belgorod stationierte Armeeeinheit. Belgorod liegt nur 10 Kilometer von der Grenze entfernt. Im Gegensatz zum fernen Moskau ist der Krieg hier ganz nah. Bei dem Angriff wurden zwei Militärangehörige getötet und vier weitere verwundet. Die Opfer hatten keine Chance. Der Beschuss traf sie buchstäblich aus heiterem Himmel.

Um 12.00 Uhr schließlich wurde auch das Dorf Kozinka mit Artillerie beschossen. Dabei kamen insgesamt 60 Mörser des Kalibers 120 Millimeter sowie zahlreiche Mehrfachraketenwerfer des Typs Uragan zum Einsatz. Nachdem der Beschuss vorüber war, drangen zehn gepanzerte Fahrzeuge und Infanterie in das Gebiet ein. Die Beteiligten beschrieben diesen Moment später als erhabenes Erlebnis. Tatsächlich haben sie dieselbe Grenze überschritten, die Moskaus Truppen vor 15 Monaten überquert hatten. 

Wenig später tauchten dann erste Aufnahmen im Internet auf. Sie zeigen, wie sich die Kolonne durch die grüne Landschaft bewegt. Es ist keine große Streitmacht, dafür aber eine gut ausgerüstete. Ihre Mitglieder sprechen Russisch. Völlig ungehindert dringen sie auf feindliches Gebiet vor. Sie erklären, die Oblast Belgorod vom gegenwärtigen Regime befreien zu wollen und proklamieren eine gleichnamige Volksrepublik.

Für Russland ist dieser Vorgang nicht nur mit Blick auf seinen Krieg gegen die Ukraine von Bedeutung. Den Einmarsch feindlicher Truppen hatte es seit dem 22. Juni 1941 nicht mehr gegeben. In den Morgenstunden jenes Tages hatte Deutschland mit dem Unternehmen Barbarossa, der Invasion der UdSSR, begonnen. Und Russland in den blutigsten Konflikt seiner Geschichte gestürzt. Auch wenn sich beide Fälle ansonsten kaum miteinander vergleichen lassen, gibt es noch eine zweite Parallele: das Überraschungsmoment. 

Der rasche Vorstoß zeigt vor allem eins: Er traf die russische Seite völlig unvorbereitet. Erst siebeineinhalb Stunden nach dem Beginn des Beschusses von Graiworon fand um 13.30 Uhr eine Sitzung des operativen Hauptquartiers der Oblast Belgorod statt. Die regionale Militärverwaltung setzte hier den Plan „Edelweiß“ in Kraft (womöglich eine Anlehnung an die gleichnamige deutsche Offensivoperation von Juli 1942 zur Eroberung des Kaukasus). 

Kurze Zeit später begannen Einheiten des Verteidigungsministeriums und der Nationalgarde mit der Blockade der Dörfer Kozinka und Glotowo. Mit forcierter Luftunterstützung versuchten sie, die Angreifer in Schach zu halten. Mehrere Videoaufnahmen von den Kämpfen sind im Netz verfügbar. Am Abend kündigte Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow eine Anti-Terror-Operation in der gesamten Region an.

Im Zuge der nun aufflammenden Kämpfe zerstörte ukrainische Artillerie des Typs MLRS (Multiple Launch Rocket System) das Verwaltungsgebäude von Graiworon. Dabei wurden zwei Personen verletzt, unter ihnen der stellvertretende Leiter. Um 19:15 Uhr zogen sich die Angreifer schließlich aus Glotowo, Kozinka und Gora Podol in die Ukraine zurück. Nach ihrer Rückkehr posierten sie vor der Presse und erklärten den erfolgreichen Abschluss ihrer Operation. 

Am Folgetag nahm das russische Verteidigungsministerium erstmals Stellung zu den Kämpfen. Auf einer Pressekonferenz erklärte Ministerialsprecher Igor Konaschenkow, ukrainische nationalistische Formationen seien in das Gebiet der Region Belgorod eingedrungen, wo sie Anschläge verübt hätten. Dabei habe es sich um eine Sabotage- und Aufklärungsgruppe der ukrainischen Streitkräfte gehandelt.

Die Angreifer seien jedoch mithilfe von Luftwaffe, Artillerietruppen und der Grenzschutzeinheiten des westlichen Militärbezirks blockiert und vernichtet worden. Die Reste der Nationalisten habe man auf ukrainisches Territorium zurückgedrängt, wo sie weiter beschossen würden, bis sie vollständig eliminiert seien. 

Konaschenkow bezifferte die Anzahl der getöteten Angreifer auf 70 und erklärte, es habe sich bei ihnen ausschließlich um ukrainische Terroristen gehandelt. Ferner habe man vier gepanzerte Kampffahrzeuge und fünf Kleinlastwagen vernichtet. Insgesamt seien 12 Zivilisten verletzt worden und eine Frau gestorben. Für den Angriff machte Konaschenkow Kiew verantwortlich. Die ukrainischen Behörden hätten beschlossen, sich für die Niederlage in Bachmut zu rächen. 

Am Mittag des 23. Mai 2023 meldete Gouverneur Gladkow, dass die Säuberung des Gebiets von der ukrainischen Sabotage- und Aufklärungsgruppe weitergehe. So stünden mehrere Dörfer im Bezirk Graiworon unter anhaltendem Mörser- und Artilleriebeschuss. Die Bilanz des Vortrages fasste er in folgende Worte:

„Wohnhäuser und Zivilsten wurden mit Raketenwerfern beschossen, aus Quadrocoptern Sprengkörper geworden. 12 Zivilisten wurden infolgedessen verwundet und 29 Privathäuser und drei Autos beschädigt. In 14 Siedlungen ist der Strom ausgefallen. Die Wiederherstellungsarbeiten werden beginnen, sobald es die operative Situation erlaubt.“

Gleichzeitig dementierte Gladkow Meldungen über eine weitere Sabotage- und Aufklärungsgruppe, die in den Bezirk Borissow der Region eingedrungen sei. In diesem Zusammenhang wies er darauf hin, einige Telegrammkanäle hätten versucht, öffentliche Panik zu schüren. Es habe jedoch keinen weiteren Angriff gegeben. Der Inlandsgeheimdienst FSB, das Ministerium für Katastrophenschutz und das Verteidigungsministerium hätten die Lage unter Kontrolle. 

Wie die „Nowaja Gazeta Europe“ unter Berufung auf eine Quelle in den Streitkräften der Russischen Föderation berichtete, habe die Regionalregierung mehr als 3200 Soldaten und 20 Fahrzeuge der motorisierten Infanterie in die Oblast Belgorod verlegt. Hinzu kämen weitere Spezialkräfte der Armee in Höhe von 1000 Mann und 40 Fahrzeuge. Ferner seien auch zusätzliche Einheiten des FSB-Zentrums für besondere Aufgaben in die Region entsandt worden.

Im Gegensatz zur Darstellung der russischen Behörden wurde der Angriff jedoch nicht von offiziellen Einheiten der ukrainischen Armee vorgetragen. Stattdessen sollen ausschließlich russländische Staatsbürger an der Operation beteiligt gewesen sein. Bereits am 22. Mai hatten sich zwei Organisationen zu ihr bekannt: die Legion „Freiheit Russlands“ und das „Russische Freiwilligenkorps“. In einer offiziellen Verlautbarung auf Telegram machten ihre Wortführer Angaben zum Ereignishergang und ihren Motiven:   

„Die russische Armee hatte einer Gruppe patriotischer Freiwilliger nichts entgegenzusetzen, die zu den Waffen gegriffen und sich nicht gescheut haben, offen für eine freie Zukunft Russlands gegen das Moskauer Regime zu demonstrieren. Wieder einmal ist der Mythos zerschlagen worden, wonach die russischen Bürger sicher sind und Russland stark ist. In Wirklichkeit haben die Behörden jahrelang einfach den Haushalt veruntreut und gelogen, dass alles in Ordnung sei. 

Russland hat keine Reserven, um auf militärische Krisen zu reagieren. Alle Militärangehörigen sind tot, verwundet oder in der Ukraine. Die Russische Föderation ist völlig schutzlos. In der Region Belgorod herrscht Panik, teilweise sogar eine organisierte Evakuierung; zumeist jedoch eine spontane Flucht.“

Auch Kiew hat sich zu den Ereignissen in der Region Belgorod geäußert. Wie der Sprecher der Hauptdirektion des Nachrichtendienstes (GUR), Andrij Jusow, sagte, sei der Feind zurückgedrängt worden, um einen Sicherheitsgürtel zum Schutz der Ukrainer zu schaffen. So hätten das Russische Freiwilligenkorps und die Legion Freiheit Russlands, die sich aus Bürgern der Russischen Föderation zusammensetzten, eine Operation zur Befreiung von Gebieten der Region Belgorod vom Putin-Regime gestartet.  

Kremlsprecher Dmitrij Peskow erklärte auf einer Pressekonferenz, dass die Ereignisse in der Region Belgorod tiefe Besorgnis hervorriefen. „Dies bestätigt einmal mehr, dass die ukrainischen Militanten ihre Aktivitäten gegen unser Land fortsetzen. Dies erfordert von uns große Anstrengungen. Diese Bemühungen dauern an, und es läuft eine spezielle Militäroperation, um solche Infiltrationen in Zukunft zu verhindern.“

Während Kiew behauptet, der Angriff sei von den Kräften der russischen Opposition vorgetragen worden, insistiert Moskau, es habe sich um ukrainische Terroristen gehandelt. Das ist wenig verwunderlich. Stattdessen stellt sich die Frage, was die Ukraine mit der Operation bezwecken wollte? Hierzu ist es hilfreich, sie auf drei Ebenen zu betrachten.

In militärischer Hinsicht bestand das Ziel darin, Moskau zur Bereitstellung zusätzlicher Kräfte für den Grenzschutz zu zwingen, der insgesamt siebenhundert Kilometer Grenze abdecken muss. Die hierzu benötigten Truppen hätten idealerweise aus der Ostukraine abgezogen werden sollen, was unweigerlich zu einer Schwächung des dortigen Kampfpotenzials geführt hätte. Insofern scheint der Angriff also im Zusammenhang mit den Vorbereitungen der geplanten Offensive zu stehen. 

Unter politischen Gesichtspunkten hat der Angriff für Moskau einen äußerst negativen Effekt. Dieser basiert im Wesentlichen auf der frappierenden Diskrepanz zwischen Propaganda und Realität. Entgegen seiner Darstellung ist der Kreml nicht dazu in der Lage, feindliche Truppen vom Eindringen auf sein Staatsgebiet abzuhalten. Die Bevölkerung Belgorods, immerhin die einer Großstadt, war den Angreifern stundenlang völlig schutzlos ausgesetzt. 

Darin wiederum kommt ein Gesichtsverlust zum Ausdruck, dessen Schaden weitaus größer ist, als es das durch die Einnahme von Bachmut gewonnene Prestige je sein könnte. Der damit verbundene „Bad Trade“ liegt auf der Hand. Während Moskau für den Gewinn einer strategisch bedeutungslosen Ruine mit 20.000 Toten und um ein Vielfaches mehr Verletzten bezahlt hat, konnte Kiew der russischen Regierung mit einem Minimalaufwand ungleich mehr politischen Schaden zufügen.  

Diese Feststellung führt nachgerade zum psychologischen Effekt des Angriffs. Bislang konnte die russische Propaganda funktionieren, weil sich das Kriegsgeschehen ausschließlich im Nachbarland abspielte. Zwar waren die vereinzelten Angriffe auf russisches Territorium, wie beispielsweise die Zerstörung der Krimbrücke, empfindliche Nadelstiche. Gleichwohl sind sie nicht mit dem Vordringen feindlicher Truppen auf das eigene Staatsgebiet zu vergleichen. 

Mit der Offensive in der Oblast Belgorod haben sich die Naturgesetze des Krieges nun geändert. Die russische Bevölkerung kann nicht mehr sicher sein, nicht selbst zum Opfer zu werden. Diese Erfahrung dürfte bei den Betroffenen zu einem Höchstmaß an Verunsicherung führen. Die von der staatlichen Propaganda gezeichnete Bild erhält dadurch tiefe Risse. Für Moskau ist das gefährlich. 

Der Kreml wiederum wird in Zukunft immer auch die Möglichkeit eines Angriffs gegen Ziele im Inland berücksichtigen müssen. Für das ohnehin schon an seine Grenzen gelangte Militär stellt dies eine zusätzliche Belastung dar. Was Moskau auf keinen Fall möchte, sind Kämpfe in russischen Großstädten. Hätte die Ukraine am 22. Mai eine größere Streitmacht entsandt, wäre ein solches Szenario ohne weiteres möglich gewesen.

Insgesamt ist schwer zu sagen, wie weitreichend sich die oben skizzierten Faktoren letztlich auswirken werden. So ist nicht auszuschließen, dass die russische Bevölkerung auch weiterhin auf Kritik ihrer Regierung verzichtet. Dennoch darf man annehmen, dass die von den Angreifern am Tag ihrer Operation verbreitete Radiobotschaft den ein oder anderen Zuhörer zum Nachdenken gebracht hat. 

Während Tausende Russen Belgorod verließen, wurde in einer unvermittelt zu vernehmenden Durchsage die Errichtung der Volksrepublik Belgorod proklamiert. Ihr Ziel sei es, die russische Bevölkerung von der Moskauer Tyrannei zu befreien und ihren Schutz vor weiteren Übergriffen zu gewährleisten. Eine Ironie der Geschichte. 

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN