Yes, we can!

von Diskurs Hamburg

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Ein aufrüttelndes Papier von Unternehmern und Wissenschaftlern

Genau an dem Tag, an dem die vorige Ausgabe dieses Diskurs-Forums erschienen ist, am 7. Mai 2026, erschien ein als SPARTA 2.0[1] bezeichnetes Papier mit dem Titel Der Weg zu europäischer Verteidigungsautonomie: Ein Leitfaden zur Überwindung kritischer Abhängigkeiten.[2] Die Autoren dieses 20-seitigen Papiers, die bereits am 4. März 2025 das Papier Abhängigkeit oder Selbstbehauptung: Deutschlands und Europas Rolle im 21. Jahrhundert entscheidet sich jetzt veröffentlicht hatten,[3] sind der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und ehemaliger Airbus-Vorstandsvorsitzende Tom Enders, der frühere Telekom-Chef René Obermann,der Präsidenten des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW) Moritz Schularick,die KI-Investorin Jeannette zu Fürstenberg sowie der Senior Fellow bei der Münchener Sicherheitskonferenz Nico Lange.[4] Hier fand sich hochrangige Expertise aus Rüstungsindustrie, Wirtschaftswissenschaft und Politikberatung zusammen.

Der Verfasser dieses Beitrages hat sich in der vorigen Ausgabe dieses Diskurs-Forums unter dem Titel Taugen die USA noch als Bündnispartne) für manchen Leser möglicherweise etwas vollmundig und überheblich eingelassen mit:[5] „Und was kann uns nun der Bündnispartner USA … bieten, was wir Europäer nicht selbst entwickeln und aufbauen können?“ Als hätten die Autoren dem Verfasser beispringen wollen, entwickeln sie im SPARTA 2.0-Papier einen konkreten, mit Zahlen unterlegten Pfad, auf dem die verteidigungstechnische Unabhängigkeit Europas von den USA erreichbar ist – und zwar soll das einem mit laufendem Aufwand in einer Größenordnung von 0,25 Prozent des europäischen BIP (einschl. UK) für einen Zeitraum in den meisten Technologie-Bereichen von gut fünf Jahren möglich sein.

Die Zweifel an der Bündnistreue der USA gegenüber Europa beruhen nicht nur auf der persönlichen Unzuverlässigkeit ihres derzeitigen Präsidenten. Sie sind darüber hinaus wesentlich durch eine veränderte geopolitische Prioritätensetzung der USA nach dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts und dem Erstarken Chinas sowie der Wandlung der Welt von der Bipolarität zur einer Multipolarität begründet. Allenthalben wird deshalb eine stärkere europäische Verteidigungsautonomie gefordert. Die SPARTA-Autoren zeigen einen Weg auf, wie Autonomie konkret erreichbar ist, und ihr Papier verdient deshalb hier eine besondere Aufmerksamkeit. 

Eigenständige Resilienz und Technologie-Souveränität

Bereits in ihrem ersten SPARTA-Papier vom 5. März 2025 analysierten die Autoren auch vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Ukraine-Krieges: „Technologischer Vorsprung in Geschwindigkeit und Präzision ist kriegsentscheidend.“ … und, „dass Kampfkraft heute durch Geschwindigkeit, Automatisierung und vernetzte Sensorik deutlich verbessert wird.“ Eine Debatte über reine Stückzahlen von Panzern und Flugzeugen sei daher nicht mehr zielführend. „Komplexe große Waffensysteme, die langwierig in der Entwicklung und Produktion sind, aber keine technologische Überlegenheit sichern …, stellen für uns nicht die alleinige Lösung dar.“,  schreiben die Autoren des ersten SPARTA-Papiers.

„In der Beschaffung wurde jahrelang und auch im ersten Sondervermögen [nach der Zeitenwende-Rede des Bundeskanzlers Scholz] ganz überwiegend … auf diese Systeme [ohne technologische Überlegenheit] gesetzt“, kritisieren die Autoren, deren erstes Papier kurz vor der Grundgesetzänderung am 19. März 2025 zur Aufhebung des Schuldendeckels für Verteidigungsausgaben erschienen ist. „Das erste Sondervermögen floss unter Zeitdruck in die Technologien der 2000er und 2010er Jahre, in großen Teilen zudem in nicht-europäische Systeme.“ Deutschland und Europa müssten jedoch eine technologiegetriebene Verteidigungsstrategie betreiben, und die Autoren stellen fest: „Krisendruck treibt technologische Höchstleistungen.“ Und sie nennen dafür die Silicon-Valley-Innovationen oder Israels Hochtechnologie-Cluster als Beispiele, aber auch den „massenhaften und kostengünstigen Einsatz kostengünstiger Technologien“ durch die Ukraine, die zum Teil dort selbst entwickelt worden sind und heute als Exportschlager angeboten werden.

Man möchte mit dem Wirtschaftshistoriker Carl Benedikt Frey ergänzen,[6] dass sich technologischer Spitzenfortschritt am besten unter Bedingungen von Dezentralität anstatt zentraler Hierarchien, bei ungehinderter Kommunikation und Cluster-Bildung sowie der Freiheit zum Experimentieren ohne gängelnden Rechtfertigungsdruck entwickelt. Das sind Bedingungen, die weder in der Sowjetunion geherrscht haben noch in Putin-Russland herrschen, das mit der Marxschen Formulierung von der „halbasiatischen Produktionsweise“ in einem despotischen Staat in gewissem Sinne immer noch treffend beschrieben ist und heute ohne Rücksicht auf ökonomische Nachteile das mobile Internet abschaltet.

Die SPARTA-Autoren forderten im März 2025, dass ein weiteres Sondervermögen für Verteidigung vorrangig in fünf Technologiebereichen einzusetzen ist:

  1. Skalierung der Produktion von autonomen Systemen und Robotik: Sie bringen Masse auf das Gefechtsfeld und verstärken so das knappe Personal. Technologieführerschaft kann dabei andere Fähigkeitslücken überkompensieren.
  • Breiter Einsatz von KI und Advanced Software, deren strategische Bedeutung rapide wächst und über militärische Überlegenheit entscheidet.
  • Souveräner Zugang zum Weltraum, eigene satellitengestützte Kommunikationsfähigkeiten und ein Raketenschutzschild
  • Ausbau und Modernisierung nuklearer Abschreckungsfähigkeiten als zentraler Pfeiler strategischer Stabilität gegen die nukleare Bedrohung seitens Russlands, z.B. durch die taktischen Nuklearwaffen in der Enklave Kaliningrad oder der Vorbereitung von Abschussbasen in Belarus. Die Weiterentwicklung europäischer Fähigkeiten könne mittelfristig die geopolitische Erpressbarkeit verhindern.
  • Entwicklung von modernen Flugkörpern und Hyperschall-Waffensystemen, die ballistischen Raketen überlegen sind und das Kräfteverhältnis in der modernen Kriegsführung verändert. Russland, China und die USA hätten das strategische Potential erkannt und arbeiteten bereits mit Milliardeninvestitionen an diesem Thema.

Wohlgemerkt, die Autoren meinen hier ein weiteres Sondervermögen (=Schuldenaufnahme) der Bundesrepublik Deutschland. Die deutsche Bundeswehr soll dermaßen ausgestattet werden.

Eine technologische Rundum-Erneuerung ist finanzierbar

In ihrem zweiten Papier vom 7. Mai 2026 buchstabieren die Autoren diese Grundforderungen aus ihrem ersten Papier konkret aus. Sie identifizieren darin zehn zentrale Fähigkeitslücken Europas, die auf dem Weg zu eigener Handlungsfähigkeit angegangen werden müssen. Sie geben Handlungsachsen an, und gehen dabei zum Teil in technische Details, für die hier auf den angegebenen Link in der Fußnote verwiesen wird.[7] Die Zusammenfassung wird hier leicht gekürzt im Original wiedergegeben. Und das ist neu: die Autoren beziffern die Behebung dieser Fähigkeitslücken im Einzelnen mit Kostenschätzungen und Zeithorizonten.

  1. Führungssysteme: Resilientes Führungs- und Kontrollsystem für gestörte Kommunikationslagen, vernetzte Architektur und delegierte Auftragsführung bis zur taktischen Ebene.

Zeithorizont: 3 – 4 Jahre, Kostenrahmen: 10 – 20+ Mrd. Euro 

2. Skalierte autonome Systeme: europäische Massenproduktion für Drohnen und Loitering-Munition[8] mit Kapazität für mehrere Millionen Einheiten pro Jahr, wartende Präzisionsmunition und unbemannte Bodensysteme als zentrale europäische Produktionskapazität, anstelle der bisher üblichen Vergabe als einzelne Beschaffungslose.

Zeithorizont: 3 – 5 Jahre, Kostenrahmen: 30+ Mrd. Euro 

3. Bodengebundener Deep Precision Strike & 6te Generation Luftkampfsysteme: Entwicklung und Produktion europäischer weitreichender Präzisionswaffen, ballistischer Flugkörper, Hyperschallfähigkeiten, 6ter Generation Kampfflugzeuge und unbemannter Begleitplattformen mit Lieferketten außerhalb der US-Exportkontrolle.

Zeithorizont: 10+ Jahre, Kostenrahmen: 200+ Mrd. Euro 

4. Luftverteidigung: Aufbau einer gestaffelten Verteidigung von Drohnenabwehr im Nahbereich über mittlere Flugabwehr bis Raketenabwehr; günstige Abfangsysteme und Kostenparität mit der Bedrohung sind zentrale Aufgaben.

Zeithorizont: 3 – 5 Jahre, Kostenrahmen: 50+ Mrd. Euro

5. Satellitenaufklärung & Kommunikation: Aufbau einer europäischen Satellitenkonstellation für Aufklärung, Kommunikation und Navigation, damit Europa weniger abhängig von Starlink, GPS und nicht-europäischen Datenquellen wird.

Zeithorizont: 5+ Jahre, Kostenrahmen: 50+ Mrd. Euro (teilweise durch anderes abgedeckt)

6. Space Launch: Europäischer souveräner Zugang zum All erfordert deutlich höhere Kapazitäten verschiedener Trägersysteme. Insbesondere muss das existierende Ariane-Programm durch kleine und mittlere Trägerraketen in hoher Startfrequenz ergänzt werden. Außerdem erden langfristig Schwerlastraketen mit wiederverwendbaren Stufen benötigt.

Zeithorizont: 5+ Jahre, Kostenrahmen: 20 – 30 Mrd. Euro 

7. Persistente Luftaufklärung (ISR): Beschleunigte Entwicklung von langfliegenden Aufklärungsdrohnen, damit Lagebilder dauerhaft erhoben und direkt in Führungs- und Wirksysteme eingespeist werden können.

Zeithorizont: 5+ Jahre, Kostenrahmen: 20 – 30 Mrd. Euro

8. Militärische Cloud, Software & KI: Aufbau einer souveränen europäischen Daten- und KI-Infrastruktur, die Informationen aus verschiedenen Quellen zusammenführt, auswertet und schnell bis zu den Einheiten im Einsatz bringt.

Zeithorizont: 3 – 5 Jahre, Kostenrahmen: 50 Mrd. Euro

9. Strategischer Lufttransport und militärische Einsatzversorgung: Transportflugzeuge, Luftbetankung, Verwundetentransport, einsatznahe Militärhospitäler und Schutz gegen chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahren.

Zeithorizont: 3 – 5 Jahre, Kostenrahmen: 25 – 35 Mrd. Euro 

10. Elektronische Kampfführung, Unterdrückung und Zerstörung gegnerischer Luftverteidigung: Europa muss gegnerische Sensoren, Funkverbindungen und Luftverteidigung stören der ausschalten können, um eigene Operationen gegen gut geschützte Gegner durchsetzbar zu machen.

Zeithorizont: 10+ Jahre, Kostenrahmen: 20 – 30+ Mrd. Euro 

Dieses Programm für eine technologisch völlig anders aufgestellte europäische Verteidigung als wir sie heute kennen, ergibt nach Berechnung der Autoren einen Investitionsbedarf für die nächsten zehn Jahre von rund 500 Mrd. Euro jährlich. Die Verteidigungsausgaben der europäischen NATO-Partner betrugen im Jahr 2025 über 400 Mrd. Euro und sollen in den nächsten Jahren noch einmal um rund 200 Mrd. steigen. „Wenn etwa 1/3 des geplanten Aufwuchses der europäischen Verteidigungsbudgets in diese Agenda investiert werden – oder rund 10% der Gesamtausgaben –, werden die hier genannten Ziele finanzierbar.“, heißt es in dem Papier, und weiter: „Die entscheidende Frage ist, ob Europa dieses Geld strategisch im hier beschriebenen Sinne ausgibt oder erneut in Legacy[= geerbte Altlasten]-Beschaffung investiert.“ Vom Kampfpanzer Leopard II A8 oder vom Sturmgewehr G95, die vor Kurzem die Öffentlichkeit beschäftigten, ist in dem aufgeführten Programm nicht mehr die Rede.

Die Finanzierbarkeit dieses Technologie-Programms ergibt sich nicht nur aus den ohnehin in Europa eingeplanten Verteidigungsausgaben, deren Investitionsanteil nach Ansicht der Autoren umgeschichtet werden müsste. Das BIP der EU-Länder zuzüglich der europäischen NATO-Länder UK und Norwegen beträgt über 20.000 Mrd. Euro. Das genannte Investitionsvolumen von 500 Mrd. Euro machte dann gerade einmal 0,25 Prozent des BIP aus.

Die Beschaffung umdenken!

Die Autoren ziehen auch Konsequenzen für die Rüstungsbeschaffung. „Im Zentrum muss nun der Einsatz von Kapital und die Beschaffung von souveräner, nationaler oder europäischer Innovation stehen.“ heißt es dazu, und hervorgehoben: „Auf der industriellen Seite muss das schnelle Hochfahren von neuen Produktionskapazitäten und zugehörigen Lieferketten im Mittelpunkt stehen.“ Es ist ein „Vertragsdesign gefragt, das zu zusätzlichen Investitionen und schneller Kapazitätsausweitung führt.“ 

Aktuell konzentrierte Europa 70 Prozent seiner Verteidigungsausgaben auf die zehn größten Rüstungsunternehmen – in den USA liegt dieser Anteil unter 30 Prozent. Überdies vernichte die Fragmentierung Europas in verschiedene Staaten und Waffensysteme Skaleneffekte. Europa solle dadurch 30 bis 40 Prozent weniger Fähigkeiten je investiertem Euro als ein konsolidierter Staat erreichen. 

Zwischen den Zeilen nimmt man die Erfahrungen der Autoren aus der Rüstungsindustrie wahr: Sie stellen Forderungen für einen „Paradigmenwechsel“ in der Rüstungsbeschaffung auf, die hier wiederum im Original wiedergegeben werden: 

1. „Show before you buy.“ Die aktuelle Beschaffung beginnt mit mehreren hundert Seiten Spezifikationen und endet Jahre später mit nicht wettbewerbsfähigen Produkten. Alternative: Prototypen-Wettbewerbe mit sechs bis zwölf Monaten Vorlauf.

2. Outcome-Belohnung statt Input-Spezifikation. Probleme beschreiben, nicht Lösungen vorschreiben. Beispiel: „Es muss innerhalb von 30 Minuten ein Ziel in 1000 km getroffen werden können, resilient gegen Störmaßnahmen – wie genau, löst der Markt.” Ergebnisbasierte Verträge mit klaren KPIs.

3. Kapazitätsverträge statt Stückzahl-Beschaffung. Nicht 1000 Drohnen beschaffen, sondern die Kapazität, Millionen pro Jahr herzustellen. Die Streitkräfte nehmen eine Grundmenge ab und zahlen eine Vorhaltegebühr für Reservekapazität. Die Restkapazität ist ggf. auch exportierbar.

4. European Fast-Track für Souveränitätsprojekte. Eine separate Vergabeschiene für europäische Anbieter bei souveränitätskritischen Fähigkeiten und weitgehende Befreiung von regulatorischen Auflagen.

5. Ökosystem-Diversifizierung. Weg von den Goldrandlösungen, hin zu niedrigen Eintrittsbarrieren für neue Anbieter. Die Ukraine zeigt, dass ein breites Anbieterfeld aus bestehenden und neuen Akteuren resilienter, schneller und kostengünstiger ist als das Setzen auf große Systemhäuser. Dual-Use-Technologien sollten systematisch einbezogen werden, etwa aus der Automobilindustrie. Neue Anbieter sollten gezielt angeworben und durch erleichterte Zulassungsverfahren befähigt werden, um den Wettbewerb zu erhöhen.

Es dürfte klar sein, dass dieses Umdenken mit der Bürokratie eines Bundeswehrbeschaffungsamtes nicht zu machen ist, wäre hinzuzufügen. Dazu brauchte es nicht nur andere Vorschriften, sondern wohl auch einen Personalaustausch und eine Personalreduzierung im Beschaffungswesen, eben auch eine Befreiung von der personellen Legacy, die im alten Denken verhaftet ist.

Technologie treibt Wirtschaftswachstum

Als Beitrag des Mitautors Moritz Schularick wird bereits im ersten SPARTA-Papier auf Analysen des Kiel Instituts für Weltwirtschaft verwiesen, die zeigen sollen, „dass Investitionen in hochmoderne Verteidigungstechnologien höhere wirtschaftliche Multiplikatoren haben als der Nachbau veralteter Systeme. Die makroökonomischen Multiplikatoren von Verteidigungsinvestitionen reichen von 0,6 bis 1,5. Also wenn der Staat 100 Milliarden in die Verteidigung investiert, steigt das Bruttoinlandsprodukt um 60–150 Milliarden. Das obere Ende dieser Effekte ist dann realistisch, wenn vor allem in deutsche und europäische Entwicklung und Produktion von Hochtechnologie investiert wird. Je mehr wir also in fortschrittliche Bereiche mit Chancen auf echte Technologiesprünge investieren, umso mehr profitieren wir auch wirtschaftlich und sichern europäische Wertschöpfung.“

Es ist nicht nur der bekannte Effekt zusätzlicher Staatsnachfrage, der sich über die Einkommen der Auftragnehmer des States multiplikativ in der Privatwirtschaft fortsetzt. Es ist auch der technologische Fortschritt, der sich aus der Rüstung auf die zivile Produktion überträgt und dort die Produktivität erhöht. Und, so kann man ergänzen: Das infolge dieses Multiplikator-Effekts erhöhte Bruttoinlandsprodukt trägt auch zur leichteren Finanzierung des genannten rüstungstechnologischen Investitionsvolumens von 500 Mrd. Euro bei.

Offene Fragen

Die Autoren sehen durchaus das Problem eines verteidigungspolitisch autonomen Europas souveräner Staaten ohne die USA als Führungsmacht und „externen Balancer“ von Kapazitätsengpässen: „Mit dem Aufbau eigenständiger europäischer Abschreckungsfähigkeit stellt sich die Frage demokratischer Kontrolle und gemeinsamer politischer Führung neu. Das vorliegende Papier liefert keine abschließende Antwort auf diese Fragen.“ (sic!) Vielleicht gibt es dazu eines Tages noch ein drittes SPARTA-Papier, wenn auch von weiteren Autoren. Die Autoren sprechen sich gegen eine „neue europäische Superstruktur“ aus, sondern für „belastbare Leitkoalitionen“, die politische Verantwortung, industrielle Umsetzung und militärische Prioritäten klar bündeln. Dazu werden dann beispielhaft „Leitkoalitionen“ für Luftverteidigung, strategische Programme oder maritime Autonomie benannt. 

Diese Ablehnung von Superstrukturen ist durchaus diskutierbar. In der aus dem Institut für Sicherheitspolitik an der Christian Albrechts-Universität zu Kiel entstandenen SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Studien melden sich Militärfachleute zu Wort, die sich eine europäische Verteidigungsautonomie nur unter dem Dach der NATO (quasi als „NATO“ in der NATO) sinnvoll vorstellen können. Das bezieht sich dort auch auf die nukleare Autonomie, die sich einige Autoren für Europa überhaupt nicht sinnvoll vorstellen können.

Ein weiteres Problem der SPARTA-Papiere ist die nukleare Bewaffnung Europas oder gar Deutschlands, siehe oben Punkt 4. aus dem ersten Papier: „Ausbau und Modernisierung nuklearer Abschreckungsfähigkeiten“ Abgesehen davon, dass Deutschland durch den Atomwaffensperrvertrag völkerrechtlich gebunden ist, bleibt es mit den Atom-Mächten Frankreich und UK ein europäisches Thema. Aber nur einer kann den Zugang zum Atom-Koffer haben, nicht etwa der Europäische Rat oder die Europäische Kommission oder ein Europäischer NATO-Rat. Wenn aber die nukleare Abschreckung nicht vergemeinschaftet werden kann, wie soll sie dann finanziert werden? An dieser Stelle liefert „das vorliegende Papier“ wohl ebenfalls „keine abschließende Antwort auf diese Fragen“. Andere liefern sie allerdings auch nicht.

Unter den Autoren sind, abgesehen von lange aus der Bundeswehr ausgeschiedenen Reserveoffizieren, keine ausgesprochenen Militärfachleute. Die Autoren sind Experten aus der Rüstungsindustrie, Politikberatung und Wissenschaft. Die Autoren werden sicherlich militärische Expertise zur Identifizierung der europäischen und deutschen Fähigkeitslücken beigezogen haben. Dass technologische Überlegenheit militärische Überlegenheit bedeutet, ist unmittelbar einleuchtend, und der Verdacht, dass immer noch zu viele „Legacy“-Investitionen vorgenommen werden, nährt sich aus dem, was wir aus der Ukraine erfahren. Aber es wäre dennoch sinnvoll, einmal die Stellungnahme der aktiven Militärs zu dem zweiten SPARTA-Papier vom 7. Mai 2026 zu hören, und zwar weniger zur Grundsatzfrage, sondern mehr zu den militärtechnologischen Details. Dabei wird man dann in Rechnung stellen müssen, dass man zum Teil gerade diejenigen befragt, die für die bisherige Rüstungsbeschaffung Verantwortung tragen.

Es fällt auf, von welchem tiefen Misstrauen gegenüber den USA die Konzeption einer europäischen Verteidigungsautonomie durchdrungen ist, was angesichts der verräterischen Haltung und der Feindseligkeiten des amerikanischen Präsidenten gegenüber Europa nachvollziehbar ist. Die europäischen Verteidigungsautonomie ist ein langfristiges Projekt, das auf ein halbes Jahrhundert oder länger angelegt ist, aber die Amtsdauer eines amerikanischen Präsidenten ist begrenzt. Auch das sollte in Rechnung gestellt werden.

Bei allen diesen Einwänden bleibt es jedoch richtig, die europäische und deutsche Verteidigung technologisch an die Spitze setzen zu wollen.


[1]   Das Akronym SPARTA steht für Strategic Protection and Advanced Resilience Technology Alliance

[2]   https://www.kielinstitut.de/fileadmin/Dateiverwaltung/Media/Images/News_Press_Releases/2026/Der_Weg_zu_europ%C3%A4ischer_Verteidigungsautonomie__Ein_Leitfaden_zur_%C3%9Cberwindung_kritischer_Abh%C3%A4ngigkeiten.pdf

[3]   https://dgap.org/sites/default/files/Positionspapier_%20Abha%CC%88ngigkeit%20oder%20Selbstbehauptung.pdf

[4]   Letzter Autor war an dem ersten SPARTA-Papier vom 5. März 2025 noch nicht beteiligt.

[5]   Jan Thieme: Taugen die USA noch als Bündnispartner?, in diskurs-hamburg.de, D65-5

[6]   Carl Benedikt Frey: Wie Fortschritt endet. Technologie, Innovation und das Schicksal der Nationen, New York/Frankfurt 2026

[7]    https://www.kielinstitut.de/fileadmin/Dateiverwaltung/Media/Images/News_Press_Releases/2026/Der_Weg_zu_europ%C3%A4ischer_Verteidigungsautonomie__Ein_Leitfaden_zur_%C3%9Cberwindung_kritischer_Abh%C3%A4ngigkeiten.pdf

[8]   „Lungernde Munition“: Lenkwaffen, die zunächst ohne bestimmtes Ziel gestartet werden und an-schließend über dem Zielgebiet kreisen können. (Anm. d. Verf.)

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN