Gegen den Mainstream: Richard David Precht kritisiert Annalena Baerbock

von Diskurs Hamburg

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Der Philosoph Richard David Precht, der schon durch unbequeme Kritik des Ukrainekriegs und der Medien in die Schlagzeilen geraten ist, hat es auch gewagt, in einem Podcast mit Markus Lanz die deutsche Außenministerin zu kritisieren. Sie hätte mit ihrer fachlichen Qualifikation für das Amt unter normalen Umständen noch nicht mal einen Praktikumsplatz im Auswärtigen Amt erhalten. Ihr fehle es an diplomatischer Erfahrung im Umgang mit Global Playern, was sich insbesondere bei ihrem Auftreten in China gezeigt habe. Der Shitstorm einiger Medien wie T-online gegen Prechts Äußerung ließ nicht lange auf sich warten. Der Philosoph bediene nur sein Ego und zeige Macho-Allüren, weil ihm die neue feministische Außenpolitik von Annalena Baerbock ein Dorn im Auge sei. Abgesehen davon, dass mir bisher niemand genau erklären konnte, was eigentlich feministische Außenpolitik ist, möchte ich den Begriff „Feminismus“ zum Ausgangspunkt einiger Überlegungen zu Prechts Kritik machen.

Bereits im 14. Jahrhundert entwarf die Philosophin Christine de Pizan (1364-1429) eine politische Utopie „Die Stadt der Frauen“, die als das erste ausführliche Dokument des Feminismus gilt. Darin erklärte sie, dass Frauen genauso wie Männer in der Lage seien, die Stadt zu führen – Stadt steht hier stellvertretend für Polis im Sinne von Gemeinwesen. Allerdings sei eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Frauen zunächst einmal einen Beruf erlernen, damit sie von den Männern und der Politik unabhängig sind, denn die Leitung einer Stadt sei nur ein Amt auf Zeit. Diese Forderung war zur damaligen Zeit revolutionär, im 21. Jahrhundert sollte sie jedoch eine Selbstverständlichkeit sein. Annalena Baerbock erfüllt dieses Kriterium allerdings noch immer nicht; sie hat kein abgeschlossenes Studium bzw. keine abgeschlossene Berufsausbildung. Diese Tatsache war für sie aber offenbar kein Hindernis, sich für das höchste Amt im Staat zu bewerben – denn wie jeder weiß, wollte sie ja mal Kanzlerin werden. 

Auch die zweite Forderung von Pizan, dass Frauen, die die Stadt regieren, über Weltklugheit verfügen sollten, erfüllt die Außenministerin nicht. Sie hat weder Erfahrungen im Diplo­matischen Dienst gesammelt, noch verfügt sie  über Leitungs-Erfahrungen in größeren Organisationen außerhalb der grünen Community. Diese mangelnde Weltklugheit zeigte sich zum Beispiel bei ihrem Auftreten in China. Wie eine Elefantin im Porzellanladen trampelte sie lediglich auf der Menschenrechtsproblematik herum (die durchaus auch angesprochen werden sollte), ohne zu berücksichtigen, dass China auch ein Global Player in Sachen Klimaschutz ist, den es zu gewinnen gilt, um die Erderwärmung zu stoppen. Denn was nützt es uns, wenn wir hier in Deutschland durch teure Wärmepumpen eine Insel der Glückseligen bilden, während um uns herum und vor allem in China Dutzende Kohlekraftwerke gebaut werden? Hier wäre eine ökologische „Charmeoffensive“ angebracht gewesen, worauf Richard David Precht in seinem Podcast hingewiesen hat.

Auch das dritte Kriterium von Christine de Pizan erscheint mir in der Diskussion um feminis­tische Außenpolitik wichtig – die Gleichberechtigung der Geschlechter. Frauen dürften nicht nur für Frauen regieren, sondern müssen auch die Männer mit einbeziehen. Insofern ist für mich die Kritik von Richard David Precht keine Kritik am Geschlecht von Annalena Baerbock, sondern eine Kritik an ihrer Qualifikation und ihrer Politik. Denn die „Stadt der Frauen“ sollte nur von den Besten regiert werden, wie die französisch-italienische Philosophin in ihrem Buch mehrfach betont hat. Dieser Forderung kann ich mich uneingeschränkt auch nach mehr als 600 Jahren anschließen.

Annalena Baerbock ist mit ihrer unzureichenden Qualifikation bei den grünen Frauen allerdings kein Einzelfall. Auch die niedersächsische Kultusministerin Julia Willie Hamburg ist zwar selbst eine Studienabbrecherin, mahnt aber Schülerinnen und Schüler sowie Studierende ihre Ausbildung abzuschließen. Sorry, aber Vorbild sein geht anders. In diese Reihe passt auch die Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang, die nicht müde wird, uns Bürgerinnen und Bürgern die Welt zu erklären, aber außerhalb der Welt der Grünen keinen Beruf erlernt hat und nicht reüssieren konnte.

Die feministische Theorie hat mit Christine de Pizan über Simone de Beauvoir (1908-1986) bis hin zu Elisabeth Badinter (geb. 1944) wie ein Mantra ständig wiederholt, dass ein beruflicher Abschluss für Frauen wichtig sei, damit sie unabhängig von Männern werden und sich in der Gesellschaft behaupten können. Dies sollte im Sinne von Pizan erst recht für Politikerinnen gelten. Denn Unabhängigkeit durch einen Beruf garantiert nach Ansicht von Simone de Beauvoir auch Unabhängigkeit im Denken und Handeln. Das gilt natürlich auch für Männer bzw. Politiker – ich bin selbstverständlich auch in diesem Punkt für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Den von mir erwähnten und feministisch orientierten grünen Politikerinnen möchte ich noch zum Schluss mit auf den Weg geben, dass es auch ein Leben nach der Politik gibt. Und da sie alle noch jung sind, können sie ihre beruflichen Qualifikationen in Zukunft nachholen. Denn Christine de Pizan meinte schon vor 600 Jahren, dass es für Frauen nie zu spät sei, einen ordentlichen Beruf zu erlernen.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN